Glaube und Lehre

Von Glauben und Lehre der lutherischen Kirche

von Bischof em. Dr. theol. Jobst Schöne, D.D.

1. Der Dreieinige Gott

Viele Gottesvorstellungen

Die Gottesvorstellungen der Menschen sind vielfältig und widersprüchlich. Sie reichen vom primitiven Ahnenkult über den Viel-Götter-Glauben bis zur Idee eines einzigen Gottes („Monotheismus“ in den sog. Hochreligionen) oder zur Vergötzung des Menschen als des „Maßes aller Dinge“.

… aber nur ein Gott

Diese vielfältigen Vorstellungen als gleichberechtigt gelten zu lassen oder auf einen angeblich gemeinsamen Kern zu reduzieren, verbietet die Offenbarung (d. h. Selbstmitteilung) des einzigen, lebendigen Gottes, den die Christenheit bekennt. Er hat gesprochen. Was er von sich mitgeteilt hat, ist aufgezeichnet in der Heiligen Schrift.

In dieser Urkunde werden alle anderen, widersprechenden Gottesvorstellungen als Menschenwerk verworfen. Ob man will oder nicht, hier muss man sich entscheiden: ob man einem selbstfabrizierten Bild von Gott folgen will oder dem, was ER von sich mitteilt.

Gottes Selbstmitteilung

Gott erschließt sich uns nicht vollständig. Vieles an ihm bleibt rätselhaft. Er ist für den Menschen unerforschlich und lässt sich nie völlig einfangen in unsere Überlegungen, Gedanken und Aussagen. Aber deshalb muss man vor der Frage nach Gott nicht kapitulieren. Er selbst gibt Auskunft über sich in der Bibel. Was wir von ihm wissen, ist zusammengefasst in dem Glaubensbekenntnis der Christenheit.

Das Glaubensbekenntnis

Danach haben wir es zu tun

  • mit nur einem, dem einzigen Gott;
  • mit einem Gott, der in sich eins, doch in dreifacher Gestalt („Person“) dem Menschen gegenübertritt (Dreieinigkeit).

Das erste, was von diesem Gott zu bekennen ist, steht im ersten Satz der Bibel: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Es existiert also nichts, was nicht aus seiner Hand hervorgegangen wäre, bis hin zu meinem eigenen Leben. In seiner Allmacht hat er alles ins Dasein gerufen und erhält es. Er ist allgegenwärtig und allwissend.

Das zweite, was von diesem Gott zu bekennen ist, ist seine Liebe zu den Menschen. Um die Menschen zu sich zurückzuführen, ist Gott selbst Mensch geworden. Das geschah nur einmal, zu bestimmter Zeit (vor 2000 Jahren), an bestimmtem Ort (in Bethlehem von der Jungfrau Maria geboren). Der Mensch gewordene Gott, Jesus Christus, ist des Menschen Erlöser geworden durch seinen Opfertod am Kreuz und seine leibhaftige Auferstehung von den Toten. Menschwerdung, Tod und Auferstehung Jesu Christi sind geschichtliche Ereignisse, keine Phantasien; es gab dafür Augenzeugen. Dass sich in Jesus Christus Gottheit und Menschheit vereinen (gleichsam wie Eisen und Feuer in glühendem Stahl) und dieser Gottessohn sich für uns kreuzigen ließ und aus dem Grabe auferstand, ist das Herzstück allen Christenglaubens.

Das dritte, was von diesem Gott zu bekennen ist, ist seine Absicht, den Menschen unverlierbar an sich zu binden. Dazu legt er durch sein Wort und Sakrament etwas von sich in den Menschen hinein, das diesen umzuwandeln vermag: den Heiligen Geist. Der weckt den Glauben, das Vertrauen auf Gott, lässt den Menschen seine wahre Lage vor Gott, seine Schuld erkennen, zieht ihn zu Christus und rettet ihn aus der Sünde; er holt ihn in die Gemeinschaft der Christen, die Kirche, und wird ihn nach dem Tode zum ewigen Leben erwecken.

Der unwandelbare Glaube

Wer dieses Bekenntnis zum Dreieinigen Gott aufgibt, verleugnet oder ersetzt, hat den Boden verlassen, auf dem die christliche Kirche steht. Wer es für eine Erfindung von Menschen ausgibt, hat übersehen, dass Gott selbst bezeugt und verbürgt, was das Bekenntnis von ihm aussagt. Jeder Satz des Glaubensbekenntnisses lässt sich aus der Heiligen Schrift belegen, hinter jeder Aussage steht Gott selbst. Man könnte das Bekenntnis wohl in andere Worte fassen, aber die Sache selbst steht unwandelbar fest.

Gegen diesen Glauben ist zu allen Zeiten protestiert worden, innerhalb und außerhalb der Kirche. Eine gefährliche Spielart dieses Protestes ist heute die stillschweigende Leugnung der Existenz Gottes – man tut, als gäbe es IHN nicht. Aber Gott ist nicht dadurch auszulöschen, dass er sich nicht nach menschlichen Maßstäben begreifen und erklären lässt. Von Christus lässt man dann wohl noch das große Vorbild gelten, das uns anleitet, herausfordert, antreibt. Aber er erlöst und befreit nicht mehr. Das Gebet hat sich dann erledigt. Das Heil wird schließlich in der Weltverbesserung gesehen. Und der Mensch rückt auf an die Stelle Gottes, wird zum Maßstab aller Dinge, zum Götzen, dem man alle Fähigkeiten und alle Macht zuschreibt. Die Geschichte des Atheismus ist die Geschichte dieser Vergötzung des Menschen. Man findet heute solche Auffassungen nicht nur außerhalb der Kirche, sondern mitten in ihr. Dem kann nur gewehrt werden, wenn die Wahrheit über Gott und über den Menschen unverfälscht verkündet wird.

2. Der Mensch vor Gott

Die Wahrheit über den Menschen

Wahrheit ist oft schwer zu ertragen. Deshalb greift der Mensch zur Lüge. Er belügt sich selbst, z. B. indem er sich einredet, dass er von Natur gut sei, edel, anständig, rein, gerecht. Er ist es nicht. Vielleicht steckt in vielen, die sich auf diese Weise belügen, eine Ahnung davon, dass der Mensch gut sein sollte. Gott wollte den Menschen gerecht, rein und heilig, wie er selbst ist: er schuf ihn zu seinem Ebenbild. Dieses Bild ist längst verzerrt und verfälscht. So hoch der Mensch über allen anderen Geschöpfen steht, so sehr seine Würde höher ist als die jeder anderen Kreatur – er bleibt doch unendlich tief unter Gott, ja mehr noch: er ist von Gott abgefallen.

Der Mensch – ein Sünder

Der Mensch ist blind geworden für seinen Schöpfer; er ist wie gelähmt, unfähig, den Weg zu Gott zu gehen; er ist taub für Gottes Stimme; er ist von der Sünde (d. h. der Absonderung und Abwendung von Gott) befallen wie von einem Aussatz. Da gibt es keine Heilung aus eigenen Kräften. Der Mensch bleibt gottlos und ein heilloser Egoist, nur auf sich bezogen – es sei denn, Gott griffe in sein Leben ein.

Die Rettung des Sünders

Wenn die Evangelien berichten, dass Christus an Blinden, Lahmen und Tauben seine göttliche Macht erwies und sie heilte, dann bilden sie damit gleichnishaft die Lage jedes Menschen vor Gott ab, auch unsere eigene Lage, und stellen uns zugleich den einzig möglichen Retter vor Augen: Nur Christus vermag uns zu erlösen. Er bezahlte stellvertretend mit seinem Leben unsere Schuld vor Gott; denn Sünde ist nicht nur Verhängnis und „Schicksal“, sondern immer zugleich auch eigene, persönliche Schuld.

Christus schenkt uns durch sein Wort und die Sakramente Vergebung, Erlösung und ewiges Leben. Niemand kann sich das Heil selbst erwerben und zusprechen. Man muss es wie ein Bettler annehmen als freies, unverdientes Geschenk Gottes.

Dennoch bleiben die Folgen der Sünde und können uns hart treffen: Wir müssen vielfältiges Leid ertragen, die Vergänglichkeit unseres irdischen Lebens erfahren, sterben. Aber für den Getauften, der Christus sein Vertrauen schenkt, wird der Tod zum Durchgang in ein neues Leben.

Auswirkungen der Sünde

Indem die Heilige Schrift alle Menschen ohne Ausnahme als Sünder entlarvt, d. h. in ihrem innersten Wesen als zum Bösen geneigt und von Gott getrennt (sie mögen noch so ehrbar und anständig leben), redet sie realistisch und wahrhaftig. Die Heilige Schrift bestreitet damit zugleich, dass sich jemals unter Menschen, in der Familie, der Gesellschaft, dem Staat und in allen Ordnungen und Systemen menschlichen Zusammenlebens das Böse ausrotten lässt durch menschliche Anstrengung oder natürliche Entwicklung. Paradiesische Zustände lassen sich auch nicht durch Veränderung der Gesellschaft herbeiführen. Die angeborene Selbstsucht des Menschen und seine „normale“ Gottlosigkeit machen einen Strich durch diese Rechnung.

Es sind nicht die Verhältnisse, die den Menschen erst böse machen. Vielmehr kommen böse Verhältnisse, Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Ausbeutung, Krieg und alles Unrecht aus der Bosheit, die im Menschen wurzelt. Und Sünde steckt nicht primär in den sogenannten „ungerechten Strukturen“ menschlichen Zusammenlebens, sondern in jedem Menschen selber. Darum helfen gegen das Böse im Menschen nicht Programme für die Verbesserung der Welt, so nützlich sie sonst auch sein können. Den Menschen verändert nur das Eingreifen Gottes. Wie es erfolgt, zeigt der folgende Abschnitt.

3. Christi Wirken in Wort und Sakrament

Gott will dem Menschen, der sich von ihm entfernt hat, nahekommen. Er tut es nicht direkt, unverhüllt – weil das ein sündiger Mensch nicht ertragen könnte. Gott kommt vielmehr verhüllt, eingekleidet –

  • indem er Mensch wird – in Jesus Christus;
  • indem er im Menschenwort zu uns redet – in der Heiligen Schrift;
  • indem er Menschen an sich bindet – durch die heiligen Sakramente.

Das Wort Gottes, das uns in der Heiligen Schrift gegeben ist, und die Sakramente (= heilige Handlungen), die Christus gestiftet hat, sind Gnadenmittel; durch sie wendet sich der Dreieinige Gott uns zu, um in uns den Glauben an ihn zu entzünden und uns durch seine Gnade das Heil für Leib und Seele zu schenken.

Die Heilige Schrift

In der Heiligen Schrift hat Gott sich uns zu erkennen gegeben durch das Wort von Menschen, die er zu seinen Botschaftern bestellt hat. So ist Gottes Geist der Urheber der Heiligen Schrift. Folglich gilt uns dieses Buch in allen seinen Teilen als Gottes eigenes offenbartes Wort, als Stimme Gottes an alle Menschen aller Jahrhunderte, Kulturen, Rassen und Sprachen. Wir haben dem Wort der Bibel mit Ehrfurcht zu begegnen; denn hier ist Gott zu finden.

Auch wenn die Heilige Schrift uneingeschränkt Gottes Wort ist – heute nicht weniger als früher –, so sind doch nicht alle ihre Teile gleichwertig. Als Niederschlag einer geschichtlichen Bewegung, eines langen Weges Gottes mit den Menschen, läuft die Verkündigung der Bibel auf eine Mitte zu: Jesus Christus. Die Bücher des Alten Testamentes sind Wegbereitung auf Christus hin, das Neue Testament bezeugt ihn und sein Werk.

Solche Stücke der Bibel, in denen uns Gott als der Fordernde und Richtende entgegentritt („Gesetz“ genannt), lassen uns erkennen, dass wir als Sünder und Schuldige vor ihm stehen. Da aber, wo uns in der Botschaft vom Leben und Werk Jesu Christi Gottes Liebe zum Sünder und sein Erbarmen mit dem Schuldiggewordenen gezeigt wird („Evangelium“ genannt), finden wir Vergebung und Rettung. An die Heilige Schrift als die Urkunde der Offenbarung (= Selbstmitteilung) Gottes ist die Kirche in aller ihrer Lehre und Verkündigung und in allen ihren Lebensäußerungen gebunden. Bibel und Gottesdienst gehören untrennbar zusammen. Die Bibel soll gehört, gelesen und gebetet werden.

Die heilige Taufe

Die Taufe ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern ist uns feierlich von Gott geboten. In der heiligen Taufe gewinnt der Täufling Anteil am Sterben und Auferstehen Christi. Er wird dadurch „wiedergeboren“ zu einem Gotteskind und als Glied dem Leibe Christi, der Kirche, eingefügt.

Christus selbst ist der Täufer, der sich menschlicher „Handlanger“ bedient. Er hat die Taufe eingesetzt, als er sie an sich selbst vollziehen ließ und als er seine Apostel mit ihrer Spendung beauftragte. Wenn wir taufen, folgen wir dem Befehl Jesu Christi.

In der Taufe ist Gott der eigentlich Handelnde und nicht der Mensch. Gott allein gibt, wir Menschen empfangen nur. Darum ist die Kindertaufe berechtigt und nötig. Bei der Kindertaufe zeigt sich besonders deutlich, dass die Taufe wirklich ein Sakrament, also ein Handeln Gottes ist. Ohne Zutun und Wissen des Kindes schenkt Gott ihm seine Gnade. Niemand kann Gottes Gnade empfangen, wenn er sie nicht als reines Geschenk annimmt. Gottes Gebot und Verheißung, mit der Taufe verknüpft, gilt allen Menschen, auch den unmündigen Kindern. Denn auch ein Kind hat die Reinigung und Erneuerung nötig, die die Taufe ihm bringt. Es ist unlöslich verkettet mit dem Gesamtschicksal des menschlichen Geschlechts. Es bringt ein Erbe von manchen guten Gaben und vielen Schwächen mit. Es trägt aber auch ein Erbe von Schuld, längst ehe es selbst bewusst Sünde tun kann oder die Sünde anderer sieht. Es steht mit der ganzen Menschheit diesseits der großen Kluft, die sich durch den Sündenfall zwischen Gott und der Welt aufgetan hat und die nur Gott überbrücken kann.

Darum sollen Eltern nicht säumen, ihr Kind zur heiligen Taufe zu bringen. Christus, der Herr, will es reinwaschen von aller mitgebrachten Schuld und ihm die Unschuld wiedergeben (das findet z. B. in dem weißen Taufkleid sein Sinnbild). Er will das Licht des Glaubens in dem Täufling entzünden (wie es die Taufkerze andeutet).

Die Taufe wird in einem Gottesdienst vor der ganzen Gemeinde oder als besondere Handlung vollzogen. Dabei wird der Täufling mit Wasser übergossen, gleichzeitig werden die Taufworte gesprochen: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. So hat es Christus selbst gewollt. In Notfällen (bei Lebensgefahr) kann jeder Christ die Taufe spenden, nicht nur ein Pfarrer.

Die heilige Taufe hat ihre Bedeutung nicht nur am Tauftage selbst, sondern das ganze Leben hindurch. Wer als Getaufter leben will, muss immer wieder das Böse in sich überwinden lernen und sich durch Christus ein neues Leben schenken lassen. Eltern und Paten sind Helfer und Fürbitter für den Täufling. Um ihre Aufgabe wahrnehmen zu können, müssen sie selber bewusste Christen sein. Keinem soll die Taufe verwehrt sein, wenn sie ernstlich begehrt und eine christliche Erziehung bzw. eine christliche Lebensführung glaubhaft zugesagt wird. Wo diese Zusage nicht gegeben werden kann, muss die Taufe aufgeschoben werden.

Beichte und Lossprechung

Weil auch der Getaufte in Sünde zurückfällt, bedarf er der Vergebung und Erneuerung – man könnte sagen: der Rückkehr in seine Taufe, die ihn vor Gott rein und schuldlos gemacht hatte. Dazu dient die Beichte.

Weil Christus seinen Aposteln die Vollmacht übertragen hat, die Sünden zu vergeben, und diese Vollmacht in der Kirche weitergegeben ist, kann in der Beichte die Vergebung der Sünden dem einzelnen zugesprochen werden. Die Lossprechung (Absolution) ist die Hauptsache in der Beichte. Sie geschieht nach dem Bekenntnis der Sünde (in der Einzelbeichte oder in der Gemeinsamen Beichte) unter Handauflegung.

Zur Aufzählung aller begangenen unrechten Taten, Worte und Gedanken wird niemand gedrängt. Wohl aber soll der Beichtende sein Leben überprüfen, sich als Sünder erkennen, seine Sünde bereuen, die Vergebung begehren und seinem Glauben an die ihm zugesprochene Vergebung Ausdruck geben.

Will er begangene Sünden namentlich nennen und sich davon „erleichtern“, kann er das in der Einzelbeichte tun. Was dem Beichtiger (Beichtvater) gesagt wird, steht unter dem „Beichtsiegel“, d. h. der Beichtiger ist zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet.

Die erteilte Vergebung ist wirksam und gültig, weil sie in Gottes Namen und im Auftrag Christi zugesprochen wird. Diese Gültigkeit ist nicht an Bedingungen (wie etwa die Ableistung bestimmter Werke) gebunden. Wo aber Erkenntnis der Sünde, Reue und Glauben fehlen, darf der Diener Christi von seiner Vollmacht zur Vergebung keinen Gebrauch machen. Hier gilt es zu warten, bis Gott selbst zur Einsicht führt.

Das heilige Abendmahl

Im Mahl des Herrn, erstmals von Christus und seinen Aposteln gefeiert am Abend vor seiner Kreuzigung (daher „Abendmahl“), nach Christi Befehl von der Kirche beständig wiederholt, erlangen die Abendmahlsgäste Anteil am Leib und Blut Christi. Brot und Wein, die wir bereitstellen, werden von Christus gesegnet mit den Worten: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“.

Unter diesen Worten ereignet sich ein Wunder, das rational nicht zu erfassen ist. Leib und Blut des Gekreuzigten und Auferstandenen verbinden sich mit Brot und Wein; so kommt die himmlische Gabe zu uns und gewährleistet Vergebung und Leben, Heil an Leib und Seele. Wie ein glühendes Eisen zugleich ganz Eisen und ganz Feuer ist, so ist das, was auf dem Altar gegenwärtig ist und uns gereicht wird, zugleich Brot und Leib Christi, Wein und Blut Christi.

Diese Gegenwart des Leibes und Blutes Christi, eingehüllt in Brot und Wein, hebt an, wenn die Worte der Einsetzung laut werden. Sie gilt mit Gewissheit für die Dauer der Feier; danach soll alles verzehrt werden, was etwa übrigbleibt, um die unbeantwortbaren Fragen (was denn nach der Feier noch im Brot und Wein zurückbleibe vom Leib und Blut des Herrn) abzuschneiden.

Wer das Sakrament des Altars zum Segen empfangen will, muss Vertrauen in Gottes Allmacht mitbringen und Vertrauen in seinen Willen, uns auf solche Weise nahezukommen. Er empfängt so die denkbar engste Verbindung mit Christus und mit allen, die gleich ihm an diesem Mahle teilhaben. Seine Sünde wird vergeben, der Glaube gestärkt; Christus nimmt in ihm Wohnung und verbindet alle, die seinen Leib und sein Blut in sich aufnehmen, zu einer Gemeinde; Leben und Seligkeit wird uns eingeflößt. So wird uns das Sakrament zur Arznei gegen den Tod. Der Sakramentsempfang kann sich auswirken bis ins Leibliche hinein.

Es gibt „würdige“ und „unwürdige“ Gäste am Altar. Wo der Glaube fehlt, wo man deshalb meint, nur Brot und Wein zu genießen, und wo man das Angebot der Vergebung der Sünden nicht ernst nimmt, versündigt man sich und empfängt das Sakrament zum Unheil. Deshalb warnt die Kirche vor unwürdigem Empfang aus Fürsorge und Verantwortung! Sie lädt aber dringend ein, sich zu Christus und seiner Gabe zu bekennen und sich nicht vom Sakrament auszuschließen, vielmehr in fröhlichem Vertrauen diese heilige Speise immer wieder zu empfangen, sooft es möglich ist. Das darf und soll ein lutherischer Christ an jedem Altar tun, wo der Einsetzung Christi gemäß gehandelt wird und alles ausgeschlossen ist, was dieser Einsetzung widerspricht. Er bereitet sich auf den Gang zum Altar u. a. durch die Beichte vor.

Was aber widerspricht der Einsetzung Christi? Allem voran die Leugnung oder Vernebelung der wahren und wirklichen Gegenwart von Leib und Blut Christi in Brot und Wein. Da wird der Herr selbst geschmäht. Denn er hat kein bloßes Symbol gestiftet, kein Mahl ohne wirkliche Speise. Das klare und eindeutige Bekenntnis zur wahren Gegenwart von Leib und Blut Christi in Brot und Wein ist deshalb unerlässlich. Unaufgebbar ist auch, dass man bei den von Christus gebrauchten Elementen, nämlich Brot und Wein, bleibt und sie nicht durch andere ersetzt. Denn wir sind nicht Herren über Christi Stiftung. Auf Alkoholkranke soll Rücksicht genommen werden, aber nicht durch Ersatz der von Christus bestimmten Elemente.

Bei dem heiligen Mahl sind wir nur die Empfangenden. Von unserer Seite wird nichts dazu getan; das heilige Abendmahl ist keine „Opferhandlung“, in der wir Gott etwas anbieten. Auch ein verstümmeltes Sakrament (wenn z. B. der gesegnete Kelch der Gemeinde vorenthalten wird) würde die Einsetzung Christi verletzen.

Weil es in der Christenheit heute viel Unklarheit über das Sakrament des Altars gibt, kann es in einer Kirche, die den Willen Christi nach der Heiligen Schrift ernst nimmt, nicht ohne Abgrenzungen abgehen. Wer das Bekenntnis zur Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Altarsakrament nicht teilen kann und sich zu der Kirche, die das Evangelium unverfälscht verkündet, nicht bekennen will, sollte zurückstehen. Denn Gemeinschaft am Altar setzt gemeinsamen Glauben und gemeinsames Bekenntnis voraus.

Das Amt der Kirche

Seine Gnadenmittel zu verwalten, hat Christus seine Apostel berufen. Sie haben diesen Auftrag weitergegeben. So wird dies Amt auch heute noch übertragen auf Männer, die Gott berufen und die die Kirche für ihre Aufgaben ausgebildet hat. Die Ordination, d. h. die feierliche Übertragung des Hirtenamtes der Kirche, verleiht die Vollmacht zur Spendung der Sakramente, zur Absolution, zur öffentlichen Wortverkündigung und zum Segen. Gemäß der Heiligen Schrift kann Frauen dieses Amt nicht übertragen werden. Wo dies dennoch getan wird, besteht nicht mehr die Gewissheit, im Sinne Christi zu handeln.

Das Hirtenamt ist nicht zum Herrschen über die Gemeinde, sondern zum Dienen an Christi Statt und in seiner Nachfolge bestimmt. Der Amtsträger ist an die Gemeinde gewiesen, die Gemeinde an ihren Hirten. Zusammen erfüllen sie den Auftrag Christi, seinen Leib, die Kirche, zu bauen. Der Gemeinde soll die Fürbitte für die Diener der Kirche wichtig sein.

4. Die Kirche Gottes

Wo die Kirche anfängt

Um Menschen zu retten, hat Christus seine Kirche gestiftet. Das beginnt mit der Berufung der Apostel. Die Kirche wurzelt im alten Gottesvolk Israel; aber mit der Taufe des ersten Heiden wird diese ethnische Grenze gesprengt. Die Kirche ist das neue Gottesvolk aus allen Völkern und Sprachen, Rassen und Kulturen. Christus ist Herr und Haupt der Kirche; sie ist sein Leib, dessen Glieder im Glauben und in der Liebe miteinander verbunden sind. Die Kirche ist unterwegs hin zur ewigen Heimat bei Gott. Die Generationen vor uns sind schon am Ziel, wir selbst noch auf der Wanderung; die nach uns kommen, sollen unseren Spuren folgen. Uns voran und mit uns geht Christus, der bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende.

Wer zur Kirche gehört

Nach Christi Willen ist die Taufe der Eingang in die Kirche und der Glaube das Band, das alle ihre Glieder zusammenhält und mit Christus verbindet. So deutlich daher die Kirche eine reale, sichtbare Gemeinschaft in dieser Welt ist, so unmöglich ist es andererseits für Menschen, letztgültig zu bestimmen, wer in der Kirche steht und wer außerhalb. Denn den Glauben oder Unglauben, an dem sich das entscheidet, kann man nicht sehen und messen. Wer zwar getauft ist, aber den Glauben verliert und sich so von dem Dreieinigen Gott abwendet, wird zu einem „toten Glied“ am Leibe Christi, der Kirche.

Wozu die Kirche da ist

Die Kirche ist zu keinem anderen Zweck da, als das Heil, das Gott schenken will, zu verkündigen und auszuteilen in Wort und Sakrament. Sie soll Menschen zu Gott führen, sie soll Gott loben und preisen. Die Kirche hat ihre Aufgabe verfehlt und ist zum Zerrbild wahrer Kirche geworden, wenn sie anderen Zwecken dient oder dienstbar gemacht wird – also wo sie politische Ziele verfolgt, wo sie machthungrig wird, wo sie mit Weltverbesserungsplänen anderen, politischen Gruppierungen Konkurrenz macht, wo sie sich als Institution zur Kulturpflege versteht oder als Sprechsaal menschlicher Meinungen und Ideen, wo sie Modeströmungen nachgibt und sich der öffentlichen Meinung anpasst. Sie soll hingegen furchtlos und ohne Abstriche aussprechen, was Gott ihr als seine Wahrheit anvertraut hat. Wer könnte das sonst als die Kirche? Das schließt freilich nicht aus, sondern vielmehr ein, dass die Kirche auch alle Ungerechtigkeit, Lüge und Unterdrückung öffentlich anprangern darf und muss. Darin liegt ihre „politische Aufgabe“ – nicht in politischer Parteinahme und Schulmeisterei gegenüber denen, die in Staat und Gesellschaft Verantwortung tragen. Denn die Kirche ist auf diesem Felde auch nicht klüger, als andere es sind. Vor einem aber hat sich die Kirche besonders zu hüten: dass sie sich mit irgendeiner Macht verbündet, um ihre Ziele durchzusetzen.

Kirche im Streit

Die Wahrheit, die Christus seiner Kirche zu bewahren und zu verkündigen aufgetragen hat, ist allezeit hart umkämpft gewesen. In der Kirche ist viel darüber gestritten worden. In diesen Streit hat sich auch sehr viel menschliches Versagen, Missverstehen, Unrecht und Sünde eingemischt. Das darf kein Christ beschönigen oder vergessen. Aber wer hier Vorwürfe gegen „die Kirche“ erhebt, soll auch die Ursachen erforschen und sehen, wie leicht Menschen sich irren können. In allen solchen Fällen, wo Christen großes und mitunter blutiges Unrecht begangen haben, hatten nicht Christus und das Evangelium über die Herzen der Menschen gesiegt, sondern Satan, der Widersacher Gottes. Denn die Kirche ist kein Raum, aus dem das Böse ausgesperrt wäre, und ihre Glieder sind nicht vollkommen.

Die eine Kirche und die vielen Kirchen

Sichtbare Folge des Streites um die Wahrheit ist die Spaltung der Kirche, die Trennung in viele Konfessionen, Kirchen und Gruppen. Aber diese Spaltung hebt die Einheit nicht auf. So paradox es klingt: Weil es nur einen Christus gibt, gibt es nur eine Kirche, ein Volk Gottes, trotz aller Trennungen. Denn in allen Konfessionen wirkt und handelt der eine Christus und der eine Heilige Geist, wo immer das Wort Gottes und die Sakramente etwas ausrichten. Und deshalb leben dort Christen, die im Glauben mit Christus zu einem Leib verbunden sind. In diesem Sinne ist die Einheit der Kirche nicht von den Menschen erst herzustellen, sondern schon vorhanden. Freilich soll diese Einheit auch erkennbar werden. Dazu muss man Trennungen überwinden und abbauen – nicht auf Kosten der Wahrheit, sondern in der Wahrheit und durch die Wahrheit.

Muss Spaltung sein?

Zu den Spaltungen haben fraglos auch Rechthaberei, Missverstehen und Hass sehr viel beigetragen. In erster Linie aber lag und liegt die Ursache im Abweichen von dem Wort und der Weisung Gottes. „Schwer ist es, dass man von soviel Landen und Leuten sich trennen … will. Aber hier stehet Gottes Befehl, dass jedermann sich soll hüten und nicht mit denen einhellig sein, so unrechte Lehre führen …“, schrieb Melanchthon 1537 (Tractatus). Er hat recht. Aber er konnte sich damit trösten, „dass bei uns nichts – weder in der Lehre noch in kirchlichen Ordnungen (urspr.: Zeremonien) – eingeführt worden ist, das entweder der Heiligen Schrift oder der allgemeinen christlichen Kirche entgegensteht. Denn es ist allgemein und öffentlich bekannt, dass wir mit größter Anstrengung und mit Gottes Hilfe – ohne uns rühmen zu wollen – verhütet haben, dass ja keine neue und gottlose Lehre in unsere Gemeinden (urspr.: Kirchen) eindringe, in ihnen einreiße und überhandnehme“. (Augsburgisches Bekenntnis, Beschluss) Bei aller schmerzlichen Trennung ging und geht es darum, die Wahrheit vom Irrtum, die falsche Verkündigung und Lehre von der rechten biblischen Botschaft zu unterscheiden.

Evangelisch-Lutherische Kirche

Auch mit der Reformation sollte keine neue Kirche gegründet werden. Man wollte nur der Wahrheit gehorsam sein und die bestehende Kirche zur Wahrheit zurückführen. Aber was man nicht wollte, blieb dennoch unumgänglich: nur in einer eigenen, nämlich der evangelisch-lutherischen Kirche konnte die erkannte Wahrheit in Geltung bleiben und zur Auswirkung kommen.

Auch heute hat die lutherische Kirche den Auftrag, innerhalb der gesamten Christenheit für die Wahrheit und Geltung der Heiligen Schrift einzustehen. Die „Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche“, als Teil der lutherischen Kirche in aller Welt, will nichts anderes, als diesen Auftrag erfüllen helfen. Sie sieht sich dabei in Übereinstimmung mit der rechtgläubigen Christenheit aller Jahrhunderte. Sie will nur fortsetzen und heute aussprechen, was schon in der alten Kirche geglaubt und gelehrt wurde. Ihr Bekenntnis, also ihre Lehr- und Glaubensaussagen, führt sie nicht für sich allein, sondern will es anderen Christen als wahr und schriftgemäß bezeugen und vorleben. Sie kennt keine Sonderlehren; das unterscheidet sie deutlich von allen Sekten.

Christen anderer Konfessionen sind gewiss vielfach frömmer, eifriger, bußfertiger. Aber diese Einsicht entbindet nicht von der Pflicht, für die Wahrheit unbeirrbar einzutreten. Deshalb stellt die lutherische Kirche an andere Kirchen ihre Fragen.

Die römisch-katholische Kirche

Die römisch-katholische Kirche hat sich stets als die Kirche angesehen, die in ungebrochener Kontinuität zu Christus und den Aposteln die wahre Gestalt der Kirche verkörpert. Diesen Anspruch können wir nicht anerkennen, sondern müssen fragen:

  • ob in ihr, der römischen Kirche, ganz und allein die Heilige Schrift gilt – oder ob nicht menschliche Überlieferungen (Traditionen) das Wort Gottes überlagert haben;
  • ob in ihr festgehalten wird, dass nach Gottes Wort der Mensch allein aus Gnade, um Christi willen, durch den Glauben und also ganz ohne eigenes Verdienst das Heil erlangt – oder ob nicht des Menschen vermeintliche Mitwirkung zum Heil das Verdienst Christi schmälert;
  • ob nicht mit dem Sakrament des Altars so umgegangen wird, als sei es eine Opfergabe des Menschen an Gott und nicht ausschließlich Gottes Gabe an uns;
  • ob nicht durch die Kelchentziehung (Laien empfangen im allgemeinen nicht das Blut Christi) das Sakrament verstümmelt wird;
  • ob nicht der Rang, der den Heiligen (und besonders der Jungfrau Maria) als Fürbitter und Vermittler der Gnade zugemessen wird, mit der Stellung Christi als alleinigem Mittler des Heils unvereinbar ist;
  • ob Amt und Anspruch des Papstes von der Heiligen Schrift her zu rechtfertigen sind.

Kein Zweifel, seit dem II. Vatikanischen Konzil ist in der römisch-katholischen Kirche vieles abgebaut worden, was die Reformatoren im 16. Jahrhundert zum Widerspruch nötigte. Wie sollten wir uns dessen nicht freuen? Viele römisch-katholische Theologen werden uns erklären, ihre Kirche habe in den oben angeführten Fragen eine andere Stellung bezogen. Aber man wird auch nicht leugnen können, dass uns noch vieles trennt. Und nicht zuletzt sind viele neue Irrtümer aus dem protestantischen Raum in die römische Kirche eingedrungen.

Die reformierten Kirchen

Die reformierten Kirchen (auch „presbyterianische“ Kirchen genannt) gehen auf das Wirken Zwinglis und Calvins im 16. Jahrhundert zurück. Sie vertreten zwar gemeinsame Grundüberzeugungen, haben aber kein solch gemeinsames Bekenntnis wie die lutherischen Kirchen und sind deshalb stets offen gewesen für Kirchenunionen, in die sie ihre Glaubensüberzeugungen einzubringen bemüht waren. Die reformierten Kirchen sind zum Mutterboden fast aller Sekten geworden.

In Deutschland ist es zwar nicht zu großen reformierten Kirchenbildungen gekommen, wohl aber haben die reformierten Kirchen sich gern als „evangelisch“ bezeichnet und die Landeskirchen, auch die lutherischen, stark unterwandert und beeinflusst. Die lutherische Kirche muss diese reformierten Kirchen fragen:

  • ob sie nicht in Gefahr stehen, die menschliche Vernunft zum Maßstab dessen zu machen, was aus der Heiligen Schrift für uns verbindlich ist (Zwingli erklärte: „Gott gibt uns nichts zu glauben auf, was wir nicht zu fassen vermögen“ – ein fundamentaler Irrtum);
  • ob sie die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus voll bezeugen (Calvin vertrat den Grundsatz: „Das Endliche kann nicht Gefäß des Unendlichen sein“ – das klingt „vernünftig“, ist aber falsch);
  • ob sie die konkrete Gegenwart Christi in den Gnadenmitteln der Kirche, Wort und Sakrament, gelten lassen oder nicht vielmehr in Gefahr stehen, die Gegenwart Christi zu verflüchtigen, zu „spiritualisieren“;
  • ob nicht die Bindung des Heiligen Geistes an Wort und Sakrament bei ihnen aufgegeben worden ist, so dass die Gnadenmittel entleert werden;
  • ob sie nicht die sündliche Verlorenheit des Menschen verharmlosen (Leugnung der Erbsünde) und so ein falsches Bild vom Menschen zeichnen;
  • ob sie nicht von daher der heiligen Taufe die Wirkung absprechen, die ihr nach der Heiligen Schrift zukommt, und die Heilsnotwendigkeit der Taufe leugnen (keine Nottaufe bei Lebensgefahr);
  • ob sie nicht das heilige Abendmahl lediglich bildlich-symbolisch, als Gedächtnismahl und als Gemeinschaftsmahl verstehen (aber ein „Bild von einem gedeckten Tisch“ macht keinen Hungrigen satt);
  • ob in ihnen noch wirksame Lossprechung von den Sünden geübt wird;
  • ob sie das Hirtenamt der Kirche von der Berufung der Apostel herleiten oder ihre Pastoren nur als Beauftragte der Gemeinde sehen;
  • ob sie das Evangelium als Botschaft von der Gnade verstehen, die uns geschenkt wird und frei macht, oder ob nicht bei ihnen daraus ein neues „Gesetz“ geworden ist, das Pflichten auferlegt und Forderungen stellt.

Die unierten Kirchen

Die unierten Kirchen sind im vorigen Jahrhundert aus der (meist zwangsweisen) Vereinigung von reformierten und lutherischen Kirchen entstanden. Sie haben die lutherische Kirche weithin aufgesogen und bestimmen heute vorwiegend das Bild des Protestantismus in den deutschen Landeskirchen. Ihnen gegenüber müssen wir fragen:

  • ob nicht Wahrheit und Irrtum in ihnen gleichberechtigt gelten, so dass Klarheit in Lehre und Glauben fast vollständig verloren gegangen sind;
  • ob sie es verantworten können, Menschen in Fragen des Glaubens in Unsicherheit und Ungewissheit zu lassen;
  • ob es dem Willen Christi entspricht, dass seine Kirche – statt das Evangelium einmütig zu bezeugen – in ein Chaos von Meinungen und Richtungen zerfällt;
  • ob sie nicht die wahre, von Gott gewollte Einigkeit in seiner Kirche zugunsten einer vordergründigen, nur organisatorischen Einheit preisgegeben haben;
  • ob nicht in ihnen lutherischer, d. h. allein an die Heilige Schrift gebundener Glaube erlöschen muss, weil er nicht mehr abwehren kann, was ihm widerspricht.

Die lutherischen Landeskirchen

Seit 1947 haben die lutherischen Landeskirchen in Deutschland mit den unierten und reformierten Kirchen die sogenannte „Evangelische Kirche in Deutschland“ (EKD) gebildet. Daraus ist eine so enge Verflechtung entstanden, dass im öffentlichen Bewusstsein die tiefgreifenden Gegensätze fast völlig eingeebnet worden sind; man ist eben „evangelisch“, weiter sieht man nicht mehr. Hier müssen wir fragen:

  • ob nicht der Anspruch, mit den anderen Landeskirchen zusammen die „Volkskirche“ zu bilden, praktisch die Bindung an das überkommene lutherische Bekenntnis weithin außer Kraft gesetzt hat;
  • ob nicht das lutherische Bekenntnis zur „lutherischen Tradition“ (gleichsam zu einer Art regionalem Brauchtum) relativiert worden ist;
  • ob diese Kirchen noch die Kraft haben, Irrlehre und Verfälschung des Wortes Gottes von den Kanzeln, Altären und Lehrstühlen fernzuhalten;
  • ob nicht der Versuch, die Gegensätze zu verschleiern und mit Kompromissformeln (z. B. der „Leuenberger Konkordie“) konfessionsverschiedene Kirchen in Gemeinschaft zu bringen, eine Preisgabe des Auftrags bedeutet, den die lutherische Kirche in der Christenheit hat: „einträchtig, nach reinem Verstande“ das Evangelium zu bezeugen.

Dabei soll nicht verkannt werden, dass in den lutherischen Landeskirchen auch Bestrebungen vorhanden sind, die Geltung des Bekenntnisses gegenüber hergebrachten wie modernen Verirrungen aufrecht zu erhalten.

Ökumenische Bewegung

Was an kritischen Fragen hier gegen die reformierten, unierten und lutherischen Landeskirchen vorgebracht worden ist, muss auch auf die sogenannte „Ökumenische Bewegung“ bezogen werden, die im „Weltrat der Kirchen“ ihre Organisationsform gefunden hat. Nivellierungstendenzen, vordergründiges Überspielen der bitteren Trennungen in der Christenheit, Reduzierung des Glaubensinhaltes auf ein Minimum, Ablösung des Bekenntnisses durch Weltverbesserungsprogramme und ein Aktionismus, bei dem es bis zu gefährlicher Rechtfertigung von Gewaltanwendung um „christlicher“ Ziele willen gehen kann – das sind Vorwürfe, die heute von vielen Seiten und nicht nur von lutherischen Christen gegen diese Organisation erhoben werden. Diese Kritik will nicht das Bestreben herabsetzen, die Trennungen in der Christenheit zu überwinden. Wer die eine, heilige Kirche liebt, muss unter ihrer Zerrissenheit und Verderbnis leiden. Er wird sich aber immer freuen über alles Bestreben, das die Einigkeit in der Wahrheit sucht, an der Heiligen Schrift sich ausrichtet und dem Bekenntnis zu Christus Geltung verschaffen will.

Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche

Die „Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche“ stellt ihre Fragen an andere Kirchen nicht aus Freude an der Trennung oder weil sie das große Ärgernis der Spaltung verharmlosen will. Auch weiß sie sehr wohl, dass sie selbst weder unfehlbar noch vollkommen ist. Sie muss gewiss in ihrer eigenen Mitte noch viel mehr Bereitschaft entwickeln, von allem echten geistlichen Leben in anderen Teilen der Christenheit zu lernen, sich über alles Gemeinsame zu freuen, größere Liebe zu üben (auch gegen die, die von ihr getrennt sind), eifriger zu beten, in der eigenen Kirche zu bessern, was nicht in Ordnung ist. Dass sie aber für die Wahrheit einstehen will gegen den Irrtum und deshalb nicht Einheit der Christenheit um jeden Preis sucht, sondern Einigkeit in der Wahrheit erstrebt, dafür sollte sie niemand schelten.

5. Die Vollendung

Alle Kirchen, alle Christen, alle Menschen gehen der Vollendung, die Gott will, entgegen. Aber diese Vollendung, das Heil, kommt nicht aus der Welt, es kommt in die Welt: wenn Gott das Böse endgültig entmachtet und „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petrus 3,13) heraufführt.

Wer der Meinung ist, die Welt entwickle sich von selbst zu immer größerer Vollkommenheit, der Fortschritt zum Guten gehe unaufhörlich voran, übersieht die Zeichen der Zeit. Vielmehr haben wir uns auf vier Ereignisse einzustellen, auf die wir mit jedem Tag und jeder Stunde näher zugehen.

Die Wiederkunft Christi

Gott hat den Zeitpunkt bestimmt, da Christus sichtbar vor aller Welt und in Herrlichkeit wiedererscheinen wird. Keiner kann berechnen, wann das sein wird. Aber die Christenheit hat dafür bereit zu sein.

Die Auferstehung der Toten

Nicht auf eine irgendwie geartete „Unsterblichkeit der Seele“, nicht auf eine Fortsetzung irdischer Lebensweise ins Unendliche hinein hoffen die Christen, sondern sie warten auf die Auferweckung der Toten zu einem verwandelten leiblichen Dasein, auf „das Leben der zukünftigen Welt“. Darum ist für den, der an Christus glaubt, der Tod kein Auslöschen, keine Zerstörung des Lebens; er schläft bis zur Auferstehung zum ewigen Leben, bewahrt in Gottes Hand.

Das „Jüngste Gericht“

Bei seiner Wiederkunft wird Christus alle Menschen ohne Ausnahme, Lebende und Tote, vor seinen Richterstuhl rufen. Sein Urteil wird auf unwiderrufliche Trennung von Gott oder unwiderrufliche Gemeinschaft mit Gott lauten, Verdammnis oder Seligkeit, „Hölle“ oder „Himmel“. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Entscheidend für dieses Urteil wird sein, wie der Mensch in seinem Erdenleben zu Christus stand: Wer an den Sohn Gottes glaubt und ihm vertraut, hat das ewige Leben; wer nicht glaubt, holt sich den ewigen Tod. Aus den Werken der Liebe, die aus Glauben getan oder aus Unglauben nicht getan wurden, wird der richtende Christus die Rechtmäßigkeit seines Urteils begründen. Jedoch nicht unsere Werke erwerben uns Gottes Gnade, sondern allein das Opfer Christi rettet uns.

Eine neue Welt

Die Heilige Schrift deutet an, dass eine neue Erde und ein neuer Himmel auf uns warten. Hier kommt zum Abschluss, was zu Ostern mit der Auferstehung Christi begann: das Böse wird keinen Raum mehr haben, die Erlösten werden selig sein in der Gemeinschaft mit Gott und seiner unaufhörlichen Anbetung. In einer neuen Leiblichkeit, die die Herrlichkeit Christi widerspiegelt, werden sie frei sein von Sünde, Leid und Tod, erfüllt von Liebe und Frieden. Alles, was über die Vollendung der Welt zu sagen ist, entzieht sich letztlich menschlicher Erfahrung, Vorstellungskraft und Aussagefähigkeit. Hier kann nur nachbuchstabiert werden, was die Heilige Schrift uns vorspricht als Gottes eigene Botschaft.

aus: Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), Eine Informationsschrift, 4. Auflage 1995, Seiten 19 bis 39. 

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